An das kleine Mädchen in mir...


Ich weiß, du wurdest oft nicht als die gesehen, die du bist. Dir wurden Rollen zugeteilt, die deinem wahren Kern nicht entsprechen. Du wurdest überhört oder auf dein Äußeres reduziert. Dadurch hast du aufgehört Geschichten zu erzählen – du hast geglaubt, du seist nicht witzig oder schlau genug, als dass dir jemand zuhören würde. Also bist du leise geworden und hast Meinungen übernommen, die nicht deine Eigenen waren. Deine Prioritäten lagen oft woanders, als da wo man es sich von dir gewünscht hätte - also nannte man dich egoistisch. Du wurdest zurückgewiesen, weil die Clique dich nicht cool oder hübsch genug fand. Dir wurde vermittelt, dass du zu oft in deiner eigenen Welt bist, du dadurch nicht zuhören kannst und desinteressiert bist. Deine Schlussfolgerung daraus war, dass es nicht richtig ist, die Wahrheit in sich selbst zu finden – also bist du ins Außen gegangen. Du hast gelernt, dass du nur dazugehören kannst, wenn du die Erwartungen erfüllst, die andere an dich stellen. Ich weiß, jetzt als Erwachsene, dass diese Ansichten über dich/mich, nicht der Wahrheit entsprechen. Es sind Überbleibsel von Erklärungen, die du dir gegeben hast und Rollen, die dir auferlegt wurden. Du musstest dich als Kind, an den Erwachsenen orientieren und hast geglaubt, die wüssten sicher schon wer und wie du bist. Dir blieb nichts anderes übrig, als diese Überzeugungen über dich, als Tatsache zu interpretiert, weil man als Kind die Erwachsenen selten hinterfragt Es gibt aber Momente, da fühle ich mich genauso wie du. Klein, hilflos und unwichtig. Genau dann schreist du laut und schlägst wild um dich. Du willst mich darauf aufmerksam machen, dass die Verletzungen noch nicht geheilt sind. Du schickst mir Gefühle, die nicht in diese Zeit oder Situation passen. Du willst, dass ich mich dir endlich zuwende, statt deinen Schmerz noch mehr zu füttern. Du bringst Menschen und Dramen in mein Leben, die immer wieder die gleiche Wunde berühren – „ich bin dumm“, „ich muss mich anstrengen, um geliebt zu werden“, „ich habe nichts zu sagen“. Ich will dir sagen, ich höre dich. Manchmal fehlt mir einfach die Kraft, auf dich zuzukommen. Ich habe Angst vor dem Schmerz und der Veränderung, die es mit sich bringen könnte. Aber ich verspreche dir, dass ich zukünftig besser zuhören werde. Ich werde auf dich aufpassen, dich beschützen und lieb haben – bis wir ankommen, bei uns.


Foto @zweisieben.fotografie